Mindestens einmal im Jahr versuche ich, einen Fernwanderweg zu laufen. Letztes Jahr war es die Via Dinarica über die Dinarischen Alpen, Anfang dieses Jahres die Great Dahar Crossing in Tunesien mit Amiga und Tree-Athlete Esther. Im Sommer saß ich mehr auf dem Rad, doch irgendwann kribbelte es wieder und ich wollte noch einmal eine längere Tour in Laufschuhen machen. Außerdem wartete da noch ein unvollendeter Weg über die Pyrenäen, der GR11.
Vor fünf Jahren hatte ich nach der 24-Stunden-WM in Albi versucht, die Pyrenäen vom Mittelmeer bis zum Atlantik zu überqueren. Eine Woche lang lief alles wunderbar, bis mich kurz vor dem Comapedrosa (2.943 m asl), dem höchsten Berg Andorras, der Schnee stoppte. Damals traf ich beim Trampen Blake, einen amerikanischen Multi-Millionär und seine serbische Begleitung. Sie konnten es nicht glauben, dass ich im Schnee campieren wollte, und gaben mir spontan ein Apartment in ihrem Skiresort. So kam es, dass ich in kurzer Laufmontur neben zwei Menschen in Pelzmänteln essen ging und später in ihrem Palast im begehbaren Kleiderschrank für den Winter neu eingekleidet wurde. Die Situation war so absurd, dass ich sie einfach mit Humor nahm. Das Ende der Geschichte war, dass ich die Boss Jeans und Strellson Jacke drei Tage späte aus Andalusien Richtung Eltern schickte.

Fast fünf Jahre später stand ich wieder vor dem gleichen Skiresort. Ich versuchte vergeblich, die beiden wieder anzutreffen und so startete ich dort meinen zweiten Versuch auf dem GR 11. Vor mir lagen noch rund 500 Kilometer und knapp 30.000 Höhenmeter bis zum Kap Higuer am Atlantik.
Ich wusste, dass die zentralen Pyrenäen wild und hochalpin sind, aber nicht, wie schön und abwechslungsreich sie wirklich sind. Überall Bergseen, Felsen, der Duft von Pinien und Eichen, dazu viele Wild- und Weidetiere. Ich war ganz in meinem Element, lief morgens in den Sonnenaufgang und abends in den Sonnenuntergang hinein.
Was mir diesmal zu schaffen machte, war die Verpflegung. Während auf dem Balkan das Wasser knapp war, fehlten hier die Einkaufsmöglichkeiten. Viele Läden in den Skigebieten waren außerhalb der Saison geschlossen und bei anderen stand ich während der Siesta vor verschlossener Tür. Laut meiner Planung sollten es nie mehr als hundert Kilometern zwischen zwei Einkaufsmöglichkeiten sein, aber falsch geplant, einmal waren es rund 190 Kilometer und zehntausend Höhenmeter. Dazwischen hieß es, sparen, teilen, improvisieren. Ich vernaschte meine Notreserven, fand unterwegs zwei Bars, in denen es Kartoffeln, Oliven und Brot gab, was für ein Festmahl! Der Vorteil war mein Rucksack wurde leichter, die Pausen kürzer und so purzelten die Kilometer.

Als die Vorräte wieder aufgefüllt waren, flog ich gefühlt wieder die Berge rauf mit einem rasenden Durchschnittstempo von knapp über 5 km/h. Mir wurde wieder bewusst, welchen Einfluss die Ernährung und damit die Energiezufuhr auf unsere Gemütslage, aber auch auf unser Leistungsvermögen hat. Die gute Laune wurde verstärkt durch einen beeindruckenden Vollmond und mir fiel es teilweise schwer, mich abends in die Waagerechte zu begeben. Es ist immer ein sehr besonderes Gefühl, im Mondlicht und dem eigenen Schatten hinterherzulaufen.

So begleiteten mich Sonne und Mond in einem täglichen Wechselspiel, abends küsste die sinkende Sonne den aufgehenden Mond und morgens umgekehrt. Das waren schon beeindruckende Lichtschauspiele und ich merkte, wie ich alles um mich herum vergaß und komplett im Moment war. So wurden neben den Tagen auch die Etappen länger und nach ca. 530 km nahm ich ein letztes Bad im Atlantik, bevor es über die Grenze nach Frankreich zur Busstation in Hendaye ging. Normalerweise belohne ich mich nach Wochen mit über 200 Laufkilometern mit einer Baumspende von 5 €. Doch weil es in dieser Woche über 400 km waren, habe ich den Betrag verdoppelt – ganz nach dem Motto: Do good. Feel good.

Flora und Fauna
Die Vegetation entlang des westlichen GR11 in den Pyrenäen ist geprägt von der Nähe zum Atlantik und der Höhenlage. Sie reicht von grünen Tälern mit Pinien, Buchen und Eichen bis hin zu alpinen Wiesen oberhalb der Baumgrenze. Da sich auch hier langsam der Herbst bemerkbar machte, leuchteten die Täler, besonders das bekannte Ordesa-Tal, in einem beeindruckenden Farbenmeer.


Essen
Die Verpflegung war diesmal die größte Herausforderung, da es nur wenige Einkaufsmöglichkeiten gab. Wie immer hatte ich keinen Kocher dabei, also gab es abends meist Couscous mit Hülsenfrüchten, Nüssen, Samen und Gemüse, morgens ein ausgiebiges Müsli. Die regionale Küche bot leider für Veganer auch kaum Auswahl außer Patatas Bravas, Oliven und Tomatenbroten. Die mit frischen Tomaten eingeriebenen Brote sind trotzdem jedes Mal ein kulinarischer Leckerbissen in Spanien. Als Notverpflegung hatte ich einige BIX-Gels, die jedoch aufgrund der Verpflegungssituation recht schnell aufgebraucht waren.

Ein besonderes Highlight war die Begegnung mit Viktor aus Belgien. Er ernährt sich ebenfalls pflanzlich und baut auf seiner eigenen Farm Gemüse an. Auf der Tour verpflegte er sich komplett selbst mit schockgefrorenem Gemüse und Obst, das er von zu Hause mitgebracht hatte, unter anderem Pilze, Zucchini, Paprika, Grünkohl, Zwiebeln, Auberginen, Äpfel und Birnen. Da er großzügig geplant hatte, machte er mir netterweise eine kleine Gemüsemischung fertig mit Zucchini, Grünkohl, Zwiebelpulver und Sojagranulat und die nächsten Tage schmeckte mein Couscous plötzlich wie ein Gourmetgericht. Für die nächsten Touren überlege ich auch, Gemüse ebenfalls zu trocknen oder zu Pulver zu verarbeiten, um das Abendessen schmackhafter und nährstoffreicher zu gestalten, ohne viel Gewicht mitzuschleppen.

Wasser
Im Gegensatz zur Via Dinarica gab es diesmal Wasser in Hülle und Fülle. Die vielen Bergseen, Bäche und Wasserfälle machten es leicht, immer wieder unterwegs zu trinken. So habe mich meine Flaschen nur abends gefüllt und habe mich sonst an den fließenden Gewässern bedient. 

Terrain
In den ersten vier Tagen bewegte ich mich meist zwischen 2000 und 3000 Metern Höhe, das Gelände war hochalpin und technisch anspruchsvoll. Vielleicht um die 10-15 Prozent des Weges waren laufbar, den Rest musste ich wandern. Oft lockten mich Gipfel abseits der Route und so kraxelte ich häufig zum Sonnenaufgang oder bei der Abenddämmerung auf einen Berg. An solchen Tagen war ich froh, wenn ich rund 50 Kilometer mit über 3000 Höhenmetern geschafft hatte. Nach ca. der Hälfte führte die Route in den westlichen Pyrenäen überwiegend über schöne Waldwege und meine Beine kamen richtig in Schwung, sodass die Tagesdistanzen stetig länger wurden.

Wetter und Klima
Die Bedingungen waren ideal. Nachts wurde es mit bis zu minus acht Grad zwar eisig, aber dafür lagen tagsüber die Temperaturen bei angenehmen 20 Grad. Die Wandersaison war bereits am Ende und ich hatte die meisten Wege und Hütten für mich allein. Zu dieser Jahreszeit zeigte sich der Herbst mit all seiner Farbenpracht und die Natur präsentierte sich von ihrer schönsten Seite, sodass ich mir keine bessere Jahreszeit hätte vorstellen können.

Besonderheiten
Die Hütteninfrastruktur war sehr gut, ich hätte wohl auch ohne Zelt auskommen können. Mein Zelt gibt mir jedoch immer ein Gefühl von Freiheit und Flexibilität, deshalb trage ich dieses Extragewicht gern. Die Hütten unterschieden sich zwar sehr im Komfort, doch ich war überrascht über die Anzahl an Schutzhütten entlang der Strecke.

Equipment
Montane Trailblazer 30 Liter, Big Agnes Copper Spur UL2 Bikepacking-Zelt, North Face Blue Kazoo, Thermarest Neoair Isomatte, Altra Timp 5, zwei 0,5-Liter-Flasks, Olympus TG6 Kamera.
Bäume
Für diese Tour mit mehr als 500 Kilometer habe ich 10 Euro an Tree-Athlete gespendet, um unsere Umweltschutzprojekte zu unterstützen.

Ein besonderes Erlebnis
Die letzte Einkaufsmöglichkeit lag bereits rund 100 Kilometer zurück und ich stand wieder einmal vor einem geschlossenen Laden. In diesem Moment hielt ein Auto neben mir. Der Fahrer, ein Trailläufer und Laufveranstalter namens Mikel, fragte, ob ich nach dem Weg suche. Ich sagte, dass ich nicht den Weg, sondern etwas zu essen suche. Er lud mich in das Restaurant seiner Freundin ein, wo es 0,0 Bier, Patatas Bravas, Pommes, Oliven, Tomatenbrote und Nüsse gab, ein wahres Festmahl sag ich euch.
Gestärkt machte ich mich wieder auf den Weg. Nach etwa zwanzig Kilometern erreichte ich endlich einen geöffneten Supermarkt und kaufte so viel, wie mein Rucksack fassen konnte. Als ich hinausging, gab es ein kleines Hupkonzert und da war er wieder, Mikel mit seiner Freundin. Er hatte ihr von mir erzählt und so machten sie eine kleine Spritztour, in der Hoffnung mich nochmal wiederzusehen und mir ein Laufshirt von dem von ihm organisierten Lauf zu geben. Wir tranken noch ein Cerveza 0,0 zusammen und ich verabschiedete mich bei Vollmond in die Berge. Solche Begegnungen machen Reisen besonders und bleiben lange im Gedächtnis.

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